Pilates, Yoga oder doch lieber Zumba? – Ein Selbstversuch!

Der erste Tag – Schuster bleib bei deinen Leisten!

Mein Trainingsplan sieht heute für mich eine Stunde Pilates bei Annika vor. Die Trainerin ist sehr beliebt, so dass ich mich beeile, rechtzeitig in die Kursstunde zu kommen. Als ich den Raum leise betrete, haben die meisten Kursteilnehmerinnen ihre Matten bereits ausgebreitet. Einige sind dabei, sich zu dehnen. Andere betrachten von ihren Matten aus die Neuankömmlinge. Das Licht im Raum ist gedimmt und Annika hat mal wieder ihre Lieblings-CD mit entspannter Musik aufgelegt. Sofort fühle ich mich wohl, die Trainerin schafft es, eine angenehme Atmosphäre zu erzeugen, bei der ich meinen Alltag meist sehr bald nur noch aus einiger Entfernung betrachte.

Es ist nicht mein erstes Training, seit etwa einem halben Jahr komme ich regelmäßig einmal in der Woche in die Übungsstunde. Eine Freundin hat mich vor kurzem darauf angesprochen. „Warum gehst du eigentlich nicht auch mal in die anderen Kurse im Studio? Für dich wäre doch vielleicht auch Yoga etwas. Und die neue Zumba-Trainerin ist einfach eine Wucht!“ Da ich mein Pilatestraining sehr liebe, habe ich sofort versucht, mich zu verteidigen. „Wir können nächste Woche ja gemeinsam ins Training gehen, wenn das dir lieber ist“, hatte sie vorgeschlagen. Da mir die Argumente ohnehin bereits ausgegangen waren, stimmte ich ihrem Vorschlag zu. Ich würde die Woche mit meinem Pilatestraining beginnen und an den beiden darauf folgenden Tagen mit meiner Freundin erst in den Abend-Yoga-Kurs und dann zum Zumba-Training gehen. Innerlich hatte ich längst beschlossen, dass dies nur ein kurzer Abstecher in die Welt der Yogis und der Salsa-Fans bleiben würde. Ich zählte mich weder zu den Esoterikern, die gerne Mantras singen, um ihren Körper und Geist in Einklang zu bringen, noch konnte ich mich besonders für lateinamerikanische Musik und wackelnde Hüften begeistern. Nein, mein Pilates schien mir die beste Variante. Einfaches Körpertraining ohne Schnickschnack und ohne viel Ideologie. Außerdem konnte ich die positive Wirkung an mir bereits beobachten. Meine Hüften und Oberschenkel hatten sich gestrafft, seit ich regelmäßig ins Training ging und ich fühlte nach dem Training jedes Mal die aufrichtende Wirkung, die die Arbeit am „Powerhaus“ bei mir hervorrief. Kurzum, ich war fest davon überzeugt, nicht wirklich ein anderes Training zu benötigen. Meiner Freundin zuliebe willigte ich dennoch in ihr „Experiment“ ein.

Gerade als die Musik lauter wird und die Pilates-Trainerin beginnen will, erscheint Julia auf der Bildfläche und legt ihre Matte so dicht neben meine, dass sie sich fast berühren. Sie wirft mir ein verschwörerisches Augenzwinkern zu und raunt mir zu „Mögen die Spiele beginnen und möge der beste Kurs gewinnen!“ Offenbar ist sie zum Beginn unseres kleinen privaten Kurs-Kontests bester Laune! Soll sie nur versuchen, mich zu überzeugen, leicht wird das nicht werden!

Nach einem kurzen Warm-up beginnen wir mit den üblichen Übungen: The Hundred, Shoulder Bridge, Double Leg Stretch. Dann die anstrengenden Roll-Ups, die mich jedes Mal voll fordern, Rolling like a Ball. Kurze Verschnaufpause. Julia neben mir sieht ziemlich angestrengt aus der Wäsche: „Das sieht von außen immer so easy aus! Mit den ganzen Powerhaus und Atemübungen ist das ja richtig anstrengend!“, kommentiert sie und wischt sich Schweißperlen von ihrer Stirn.

Weiter geht es mit ein paar Variationen im Vierfüßlerstand, dem Swan Dive und ein paar Armübungen im Stehen.
Beim Cool-down merkt man den Teilnehmern an, dass sie gut an sich gearbeitet haben. Kein Ton ist mehr zu hören bei der anschließenden Relaxation mit gedämpfter Hintergrundmusik, es läuft Enyas „Only Time“, eines meiner Lieblingslieder, obwohl ich den Text fast überhaupt nicht verstehe. Wie kann man nur so undeutlich singen? Trotzdem klasse, der Song!

Anerkennend klopft mir Julia auf unserem Weg in die Umkleide auf die Schulter. Der Kurs hat ihr gefallen, sie ist so begeistert von dem intensiven Training, dass sie sich gleich vornimmt, nächste Woche wieder mitzukommen. „Das einzige was ich nicht verstehe ist, warum um Himmelswillen alle Übungen eine englische Bezeichnung haben müssen? Bei den Yoga-Asanas verstehe ich ja noch, dass man die schlecht ins Deutsche übersetzt bekommt, aber Englisch? Warum sagt man nicht einfach, der rollende Ball oder Die Hunderter-Übung?“ Klarer Punkt für Julia.

Tag zwei – Die Yoga-Guru-Falle

Am nächsten Tag quäle ich mich ein wenig ins Studio. Meine Muskeln sind noch angespannt vom Training gestern und ich merke ihnen an, dass sie eigentlich nicht schon wieder gefordert werden wollen. Zumindest ist heute erst einmal Yoga dran und nicht das zappelige Zumba, mache ich mir Hoffnung. Wie weit gefehlt meine Einschätzung sein sollte, würde mir eine Stunde und fünfzehn Minuten später klar werden. Gerald, einer der wenigen männlichen Trainer im Studio, begrüßt uns auf seine freche Art und guckt für meinen Geschmack ein wenig zu herausfordernd in die Runde der willigen Yoginis im Kursraum. Zu meiner Beruhigung ist keine der Teilnehmerinnen im orangefarbenen Sannyasin-Gewand erschienen und Gerald scheint auch keine Anstalten zu machen, in irgendeiner Ecke Räucherstäbchen abbrennen zu wollen. Wir beginnen mit einer kurzen Meditation, bei der wir uns auf unseren Atemstrom an der Nasenspitze konzentrieren sollen und bei der ich eben schnell den Menüplan für die nächste Woche ausarbeite. Zum Glück wird dann auch mein Sous-Chef wieder aus dem Urlaub zurück sein. Gerade als ich dabei bin, die Weihnachtsdeko im „Chez Pauline“ zu entwerfen, höre ich Gerald Stimme hinter mir. „Wenn die Gedanken abschweifen, hole sie sanft wieder zurück zum gegenwärtigen Moment und zur Beobachtung des Atems“. Nun gut, nachdem ich die erste Schrecksekunde überstanden habe, beginne ich mich tatsächlich ein wenig zu entspannen. Bis Weihnachten ist es ja noch lange hin.

Der Atem begleitet uns durch den ganzen Kurs, auf ein paar Bodenübungen folgen die Übungen im Stehen. Bei der Kriegerin komme ich so richtig ins Schwitzen. Mein ganzer Körper scheint nach ein paar Minuten des Haltens zu glühen. Den Rest der Stunde versuche ich so gut wie möglich mitzukommen, Gerald hat das Tempo jetzt ein wenig angezogen für die dynamischen Übungen, vor denen mich Julia im Vorfeld gewarnt hatte – der Sonnengruß gibt mir den Rest. Zum Glück gibt’s am Ende zur Belohnung eine ausgedehnte Entspannungsphase, die Totenstellung. Ziemlich leblos hocke ich danach auch erst einmal da und kann mich nicht aufraffen, von meiner Matte aufzustehen. Das Pilates-Training vom Vortag sitzt mir noch in den Gliedern. Trotzdem fühle ich mich irgendwie leicht, ja geradezu beschwingt innerlich. Diese Atemkonzentration hat es doch tatsächlich in sich. Wer hätte gedacht, dass ich mal ein Yoga-Fan werden würde. Und die Gliederschmerzen würden sicher bald schon besser werden…

Zwei Saunagänge später lachen Julia und ich über unser kleines Experiment. Auch sie ist ziemlich erschöpft. Wahrscheinlich werden wir ab morgen sämtliches Training verfluchen…immerhin steht mir noch eine harte Probe bevor. Die Stunde der Zappelphilippe…
Erschöpft aber glücklich falle ich wenig später in mein weiches Bett.

Dritter Tag – Zumba am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen!

Julia steht bereits vor meiner Tür, als ich gerade beschließen will, mir eine weitere Tasse Kaffee einzuschenken. Zum Glück habe ich meine Trainingstasche schon gepackt. Um 9 Uhr soll es losgehen. Warum nur habe ich mich auf dieses Spiel eingelassen? Klar, jetzt muss es auch durchgezogen werden. Schließlich will ich vor Julia nicht als Pilates-Weichei dastehen. Den ersten Sieg hat Gerald bei mir ja bereits gewonnen. Meine anfängliche Skepsis hatte sich schnell gelegt und ich kann mir gut vorstellen, nochmal Yoga zu üben – vorausgesetzt, ich kann irgendwann nach dem heutigen Tag wieder normal die Treppen hoch und runter laufen ohne Muskelkater.
Auf die Idee, bereits am Morgen zu heißen Latinorhythmen üben zu wollen, können allerdings nur Verrückte kommen – oder eben meine Freundin Julia. Da meine Schicht im „Chez Pauline“ heute erst am Mittag beginnen würde, war mir jedoch kein guter Grund eingefallen, den frühen Zumba-Termin abzusagen.

Eine flippig in türkisem Oberteil und sportlicher Leggings gekleidete Frau stellt sich den Teilnehmer als „Maggie“ vor. Die gebürtige Australierin und Sportstudentin absolviert gerade ein Austauschjahr in Deutschland und ist erst seit kurzem Zumba-Trainerin im Studio, hatte mir Julia noch zugeflüstert, bevor es losging. Maggie sieht einfach atemberauben aus und wenn ich nur ansatzweise so eine Figur bekomme, von dem was jetzt gleich folgt, dann schwöre ich, werde ich von nun an die erste sein, die zum Zumba-Zappeln morgens um 9 Uhr auf dem Matte steht!

Maggie scheint ihren Hintern nicht nur nach rechts und links bewegen zu können, sondern offenbar auch in jede beliebige andere Richtung. Wäre ich ein Mann, dann hätte ich spätestens jetzt wahrscheinlich Schwierigkeiten, den Choreografien noch zu folgen… Mir fällt es allerdings auch so schon schwer, da Maggie die Richtung praktisch sekündlich wechselt. Alle anderen Teilnehmerinnen scheinen sich davon jedoch nicht beirren zu lassen. „Keine Sorge, es wird einfacher mit der Zeit!“, will mich Julia in einer der kurzen Verschnaufpausen aufmuntern. Ich versuche mich totzustellen, was mir jedoch bei all der fröhlichen Musik und Maggies überragend guter Laune nur schwer gelingt. Sicherlich werde ich jetzt so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben. Ich beiße die Zähne zusammen und versuche mich am Hüftschwung. Wie ging das nochmal? Erinnerungen an einen lang vergangenen Salsa-Kurs tauchen auf und plötzlich komme ich sogar ein wenig in den Rhythmus. Julia wirft mir einen begeisterten Blick zu, der offenbar so viel bedeuten soll wie: Jetzt kriegst du den Dreh raus! Nach 45 Minuten Tanz-Hüftschwung ist der Zumba-Kurs zuende. Dabei hatte ich doch gerade diesen feschen Hüftschwung von ganz rechts nach ganz links herausbekommen. Dann die Drehung nach vorne und rückwärts in die entgegengesetzte Richtung mit nach vorne gebeugtem Oberkörper bis zurück zum Ausgangspunkt. Es läuft „Let’s get loud“ von JLo gefolgt von Shakiras „Loca“. Ich bin begeistert!

Strahlend und jetzt endlich auch richtig wach, und das mit nur einer Tasse Kaffee, bemerke ich zu Julia: „Das werde ich aber nächstes Mal nochmal vertiefen müssen, jetzt wo ich endlich den Move raus habe!“ Erleichtert und ein wenig schuldbewusst schaut mich meine Freundin an. „Ich hab wohl vergessen den Zumba-Suchtfaktor vorher zu erwähnen! Wer da einmal die Hüften geschwungen hat…“, grinst sie mich jetzt wissend an.

„Ich weiß schon wie du das wieder gut machen kannst! Da hängt doch diese Angebot für einen Massagetermin…“, bemerke ich schelmisch und nicht ganz unernst. „Klar, Süße, den hast du dir jetzt echt verdient!“ grinst Julia. „Unter der Bedingung natürlich, dass wir da nächste Woche weitermachen, wo wir angefangen haben“. Ich lache und winke ab, ne danke, eine Woche Pause werde ich schon brauchen. Aber dann…

2017-05-26T17:56:52+00:00